Kunsttherapeutische Methoden in der Sexualtherapie

🌺 Scham und Unsicherheiten – das Verborgene sichtbar halten und wandeln
Scham und Unsicherheit ziehen sich zurück, verhüllen, machen unsichtbar und trennen. Im nonverbalen Ausdruck dürfen sie bleiben und sich zugleich zeigen: vielleicht als überdeckte Flächen, als dunkle Farbräume, als fragmentierte Formen.
Indem Scham und Unsicherheit eine Gestalt bekommt, wird sie sichtbar und greifbar – und damit beweglich. Sie muss nicht sofort „aufgelöst“ werden. Oft genügt es, sie zu halten, ihr einen Platz zu geben, bis sie sich von selbst zu wandeln beginnt.
Beispiel:
Anton kommt mit einem Geheimnis, das ihn sehr belastet und sein alltägliches Dasein so sehr beeinträchtigt, dass er oft nicht in der Lage ist, anderen Menschen intim zu begegnen. In der ersten Sitzung darf er sein Geheimnis mit weißer Farbe auf weißem Papier abbilden, um sich auf diese Weise bis zu einem gewissen Grad von dem Geheimnis zu lösen und Abstand zu ihm zu gewinnen. Schon die Tatsache, dass er seinem Geheimnis einen Raum geben konnte und ich – in der Rolle der aktuellen Bezugsperson – keinen Druck bezüglich der konkreten Offenbarung gemacht habe, deutete er als eine wohltuende Erleichterung.
In den nächsten Sitzungen arbeiten wir mit dem kunsttherapeutischen Medium Theater, in dem das Geheimnis symbolisch ein Stellvertreterobjekt bekommt, sodass Anton mit diesem Objekt in einen Dialog treten kann. Es stellt sich heraus, dass er als Kind sadistische Fantasien bezüglich seiner Kindergärtnerin hatte. Als er sich damals seiner Mutter anvertraute, verurteilte diese ihn mit scharfen Worten und schämte sich regelrecht für das Empfinden ihres Sohnes.
Es gelingt uns in dieser kleinen Aufstellung, auch Stellvertreterobjekte für die Verurteilung und die Scham zu finden. Anton kann diese an seine Mutter zurückgeben und so die Verbindung zur frühkindlichen Konditionierung lösen. In einer der folgenden Sitzungen arbeiten wir mit dem Medium „Raum“, und er entdeckt in seinem inneren Raum (Bewusstsein) eine Perle. Diese deutet er dahingehend, dass seine Sexualität rein ist und er sowie seine damaligen Bedürfnisse in Ordnung sind.
Infolgedessen ist er bereit, eine tantrische Veranstaltung zu besuchen, sich dort den Begegnungen mit anderen Menschen zu öffnen und seine Bedürfnisse zu erforschen.
🌺 Sexuelle Bedürfnisse – feine Stimmen hörbar machen
Viele Bedürfnisse wurden früh überformt, angepasst oder nicht gespiegelt. In der Kunsttherapie können sie sich jenseits von Sprache zeigen: in speziellen Formen,in fehlenden Strukturen, in kraftvollen Symbole oder wiederholenden Gesten.
Es entsteht ein Raum, in dem Bedürfnisse nicht bewertet, sondern erkundet werden. Was zieht an? Was stößt ab? Was möchte sich ausdehnen? Was möchte Raum
bekommen. Wie schaut das authentisches Bedürfnis aus? Diese nonverbalen Spuren machen sichtbar, welche Prägungen tief in uns verborgen sind und welche
natürliche, authentischen Bedürfnisse darunter liegen.
Beispiel:
Klara kommt zur Therapie, weil sie darunter leidet, dass sie keinen Orgasmus haben kann. Da sie glaubt, dass sie nicht zeichnen kann, darf sie mit geschlossenen
Augen mit einem Bleistift in jeder Hand einfach unkontrolliert auf dem Blatt Papier Linien machen. Es entsteht ein Wirrwarr an Linien in Flächen dazwischen in denen
sie in folge dessen ein Paar Flächen entdecken kann, die sie symbolisch an ihre Bedürfnisse erinnern. Sie gestaltet die Flächen nach ihrer aktuellen Vorstellung, hat
dadurch Zeit und Raum, ihre Bedürfnisse wahrzunehmen und überhaupt zu benennen. Es wird ihr klar, dass sie sich all zu oft auf Druck von ihrem Partner auf die
Intimität einlässt und welche Gefühle es in ihr vor ruft, dass als sie noch junges Mädchen war, hat sie von zärtlichen Zugang geträumt, davon, dass sie zärtliche
Berührung braucht. Sie erkennt auch in einer der Fläche ihre innere Flame, die sie wieder zu brennen bringen möchte und sie erkennt auch, dass sie anfangen
muss, mit ihrem Partner über ihre Bedürfnisse zu sprechen. Anschließend kann sie ein Gespräch mit mir als Ersatzperson für ihren Partner trainieren und an
Sicherheit für das bevorstehende Gespräch gewinnen. In einer Woche meldet sich ihr Partner bei mir und reserviert ein Termin für eine “Coachingeinheit über
weiblichen Sexualität aus tantrischer Sicht”. Später ist es dann Klara möglich zum Vaginal Mapping zu kommen, in dem ihr Körper auf Orgasmusempfang vorbeireitet
wird.
🌺 Sexuelle Dysfunktionen – den Körper neu bewohnen
Sexuelle Dysfunktionen sind häufig nicht nur körperliche Phänomene, sondern Ausdruck tiefer liegender Spannungen, Ängste oder unterbrochener
Selbstwahrnehmung.
Durch kreatives Arbeiten kann sich der Körper neu zeigen: vielleicht als brüchig, abgetrennt oder überkontrolliert – und im Prozess allmählich wieder als
zusammenhängend, durchlässig, lebendig.
Die Arbeit mit kreativen Materialien unterstützt dabei, starre Muster zu lockern und neue Empfindungsräume zu eröffnen – jenseits von Funktion, hin zum Erleben.
Alte Einflüsse, sei es durch Prägungen aus dem Familien- und Bezugspersonenumfeld oder religiöse Konditionierungen, können ans Licht kommen und man kann
sich von ihnen befreien.
Beispiel:
Christian ist ein junger Mann, der die Praxis mit der Thematik aufsucht, dass seine Erektion nicht stabil bleibt. Er wird dabei immer wieder mit dem Frust seiner
Partnerinnen konfrontiert. Nachdem er in der ersten Sitzung seine sexuelle Biografie skizziert hat, wird ihm klar, dass er sich wiederholt Partnerinnen sucht, die
seiner strengen Mutter ähneln.
In einer Familienaufstellung kann er seiner Mutter mitteilen, wie sehr er unter ihren Ansprüchen gelitten hat, und ihr das Thema anschließend symbolisch
„zurückgeben“. In einer weiteren Sitzung zeichnet er die Wahrnehmung seines Lingams in der Vergangenheit, der Gegenwart sowie den Zielzustand für die Zukunft.
Die Zeichnung der Zukunft ist bunt und voller Energie; Christian kann dieses Gefühl bewusst in seinem System speichern, um künftig darauf zuzugreifen.
Zusätzlich trainieren wir eine Form der sexuellen Meditation, durch die er seine eigene sexuelle (bio-vitale) Energie von innen heraus aktivieren kann. So lernt er,
seine Energie bewusst in den Lingam zu leiten und dadurch eine bessere Kontrolle über seine Erektion zu gewinnen.
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Wie du an den Beispielen sehen kannst,
bedeutet die bewusste und kreative Zuwendung zur eigenen Sexualität und Intimität,
die lebendigste Kraft in sich selbst zu befreien.
Es geht darum, sich die Erlaubnis zu geben, das Leben und die eigene Sinnlichkeit
in ihrer ganzen Fülle und Wahrhaftigkeit zu spüren.